Interviews zum Safer Internet Day

06.02.19

Interview mit Medienpädagogik-Student Florian Süß

Frau Merkel sagte vor ein paar Jahren: “Das Internet ist für uns alle Neuland” und trendete damit prompt auf allen Social Media Kanälen. Sofort wurden Witze darüber gemacht und der Kanzlerin Ahnungslosigkeit angedichtet. Aber hatte sie damals wirklich so unrecht?

Natürlich wissen wir alle wie man etwas mit Google sucht, Kleidung online bestellt oder eine leckere Pizza per App nach Hause geliefert bekommt. Das “wie” scheint nie das Problem zu sein. Allerdings fragen die Wenigsten nach dem “was”, “wer” und “warum”.  Was genau, also welche Daten, kann man von mir denn eigentlich einsehen? Wer hat darauf Zugriff? Und warum muss das alles überhaupt irgendjemand wissen?

Als Kind wurde man dazu erzogen, nicht alles von sich preis zu geben und vor allem nicht mit Fremden zu sprechen. Heutzutage ist der digitale Kontakt zu Leuten auf der ganzen Welt einfacher, als manche Matheaufgabe aus der neunten Klasse. Nun stellen wir Fotos von privaten Feiern, Urlauben oder Haustieren ein - oft, um damit zu prahlen. Denn wer sagt: “Ich möchte das mit meinen Freunden teilen”, könnte es Ihnen ja auch einfach beim nächsten Kaffeetrinken oder im privaten Chat zeigen.

Frau Merkel sah in Facebook wohl auch keinen Nutzen mehr. Vor wenigen Tagen schwor sie der Plattform ab und bat darum, ihr gerne auf Instagram zu folgen. Vielleicht einfach deswegen, weil die Zeit des blauen sozialen Netzwerks so gut wie vorbei ist und Instagram vor allem die jüngere Zielgruppe erreichen soll.

Aber wird die Politik interessanter, wenn die Menschen, die dahinterstecken, sich auf coolen Fotos und zeitgemäßen Insta-Stories präsentieren?

Ich habe mich mit Florian Süß über das weitreichende Thema unterhalten. Seit 2014 studiert er Medienpädagogik, befindet sich aktuell im Masterstudiengang und beschäftigt sich mit dem Entstehen und der Entwicklung neuer Medien.

Wenn man nach „Medienpädagogik“ sucht, spuckt das Internet Folgendes als ersten Satz aus: „Medienpädagogik umfasst pädagogische Forschung, Entwicklung und Praxis mit Medienbezug.“ Siehst du dich also als Lehrer, der anderen Menschen erklärt, wie unser alltägliches Leben im Internet funktioniert?

Eigentlich nur bedingt. Wie das Leben im Internet funktioniert, sprich: wie ich bestimmte Plattformen bediene, ist ein Teil von Medienkompetenz. Ich sehe mich eigentlich als Medienkompetenzvermittler und dazu gehört mehr, als die bloße Fähigkeit, ein Medium zu bedienen.

Zu Medienkompetenz gehört vor allen Dingen, und zum größten Teil, Reflexion. Ich muss reflektieren: Was sehe ich da eigentlich, was nehme ich da wahr? Also den rezeptiven Anteil, Rezeption von Medien. Mit welcher Intention kommt das vielleicht auch? Und der andere Teil ist der produktive Medienteil, also die Produktion von Medien, sprich: Wie sehen meine eigenen Beiträge aus. Das geht einmal im kleinen Rahmen zum Beispiel bei WhatsApp oder anderen Chatplattformen mit dem Schreiben los und hört bei ganz großen Rahmen wie Instagram oder YouTube, wo mich potenziell die gesamte Menschheit mit Internetanschluss sehen kann, auf.

Die Frage ist also einmal: Wie gehe ich damit um, was ich da sehe und erlebe? Und welchen Einfluss können potenziell Dinge haben, die ich von mir gebe? Da sollte man Leute schulen, Reflexionskompetenzen zu entwickeln. Dass man sie dazu bringt, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen. Also erst mal die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und dann aber auch das eigene Handeln zu hinterfragen. Was tue ich da eigentlich, wie gehe ich damit um, sowohl mit meinen Daten, als auch mit dem, was ich von mir gebe, was andere Menschen vielleicht beeinflussen kann.

Da muss man noch nicht einmal auf die politische Ebene gehen, sondern da reicht es auch wirklich, wenn ich einen Instagram-Kanal habe und da zum Beispiel krasse Fotos und kurze Videos, Instagram-Stories von meinem krass-trainierten Fitnesskörper hochlade. Was das dann eigentlich mit den 13-, 14-, 15-jährigen Mädels und Jungs macht, die das gucken? Was das mit deren Selbstbild, deren Geschlechtsbild, deren Rollenbild macht? Und ich mir dann die Frage stellen muss: möchte ich das?

Möchte ich Kindern, die sowieso noch in der Selbstfindungsphase sind, entsprechende Klischeerollenbilder noch weiter einreden? Möchte ich, wenn ich sehr, sehr schlank bin, vielleicht auch das Bild in den Köpfen immer weiter vorantreiben: Schlankheit ist das absolute Schönheitsideal. Und Kinder oder generell Menschen, die das für sich selbst nicht reflektieren können, dass die Bilder mehr oder weniger alle nur gestellt sind, dass man als Mensch in Echt ja auch nicht immer so aussieht, dass das nur Posen sind, rutschen dann selber irgendwie in die Magersucht ab. Aber das sind immer solche Fragen, die man sich selbst stellen muss: Das, was ich da raushaue – wie wirkt das eigentlich? Wie kommt das an?

Die meisten Kinder wachsen mit sozialen Netzwerken auf, aber auch Erwachsene nutzen das Internet jeden Tag. Das „Internet“ ist als Informationsdienst „ein Bürgerrecht“, das wir täglich nutzen. Allerdings auch noch vieles mehr. Findest du, es sollte verpflichtenden Unterricht in Schulen geben, der über Erkennung von Fake News und andere Gefahren aufklärt?

Unbedingt! Wie gesagt, das ist diese Reflexionskompetenz, die ein essenzieller, zwangsläufig notwendiger Bestandteil von Medienkompetenz ist. Ich habe beim Internet grundsätzlich zwei Probleme, vor denen ich stehe, wenn ich es als Informationsmedium nutze. Problem 1: Es war nie so einfach wie heute Fake-News zu verbreiten, die auch richtig professionell und richtig überzeugend aussehen. Problem 2: Das, was ich im Internet angezeigt bekomme, wenn ich suche, ist ja schon nicht neutral. Egal, ob ich bei Google etwas suche oder ob bei Facebook.  Alle Suchergebnisse, die mir angezeigt werden, sind von Algorithmen beeinflusst, die das Ziel haben, mir möglichst passende Treffer für mich anzubieten.

Wenn ich jetzt ein BWL-er bin und das Wort „Bank“ google, dann bekomme ich andere Treffer, als wenn ich ein selbstständiger Schreinermeister bin. Das ist ein politisch neutrales Beispiel. Wenn ich mich aber zum Beispiel über Parteien informieren möchte und auf Basis meiner vorherigen Suchanfragen und Internetnutzung, Cookies, schon relativ klar ist für den Algorithmus, dass ich rechter Gesinnung bin, bekomme ich ganz andere Ergebnisse angezeigt, als wenn ich als politisch eher linksorientierter Mensch diese Partei google.

Insofern ist auch das, was ich da angezeigt bekomme, vielleicht nicht immer neutral und nicht alles, was es zum Thema gibt. Dessen muss ich mir bewusst sein! Das sind diese zwei Punkte, derer ich mir unbedingt bewusst sein muss, wenn ich das Internet als Informationsmedium benutze.

Einmal ist es eben wahnsinnig leicht, Dinge zu manipulieren, zum anderen wird man durch die Brille des Algorithmus beeinflusst. Insofern bin ich der Meinung, dass es essenziell ist, gerade wenn es in die politische Richtung geht, dass man über Fake-News und andere Gefahren aufklären sollte.

Bei Facebook ist das Phänomen mit der „Blase“ natürlich noch krasser, weil die noch krasser filtern, als ein Google-Algorithmus. Facebook wertet aus: Wo klickst du auf „Like“? Welche Seiten gefallen dir grundsätzlich? Es wertet auch aus, wie lange man zum Scrollen braucht. Wie lange bleibst du bei bestimmten Artikeln, Bildern, Seiten hängen und wann scrollst du weiter? Das wertet Facebook aus, um für sich selbst festzustellen: Welche Seiten gefallen dir und welche Seiten können wir dir anzeigen, die passend sind?

Das hat natürlich das Problem, dass du in deinem Weltbild durch die Blase ein bisschen „gefangen“ bist und keine anderen Sachen angezeigt bekommst, die dich vielleicht zur Reflexion deiner Ansichten bringen würden. Wenn du sowieso schon ausländerfeindlich gestimmt bist, wird dir also vermutlich der Facebook-Algorithmus nicht irgendwelche „Wir helfen Flüchtlingen“-Gruppen vorschlagen, als Beispiel. Durch diesen Algorithmus wirst du dann im Internet nur in deiner „Denke“ bestärkt und bekommst gar keine Impulse, dass du deine eigene Sichtweise vielleicht mal reflektieren könntest und vielleicht mal darüber nachdenkst: „Nur weil Ausländer (als Beispiel) manche Sachen kulturell bedingt anders machen, heißt das nicht, dass das etwas Schlechtes ist“. Diese Chance wird dir genommen.

Die Gestaltung des Lebens hat sich durch Instagram und Co. stark verändert. Viele Menschen unternehmen etwas, um es später posten zu können. Ist „digitale Revolution“ das richtige Stichwort und ist der unterbewusste Einfluss vielleicht doch schon schlimmer, als wir glauben?

Was mich berührt, ist, wenn ich mir auf Konzerten angucke, dass früher die Leute wirklich einfach auf dem Konzert waren, um auf dem Konzert zu sein, um die Band zu sehen und die Musik zu hören. Wenn man früher maximal ein Meer aus Feuerzeugen gesehen hat, weil das Lied besonders emotional war, sieht man heute ein Meer aus Smartphone- und Tablet-Bildschirmen, weil die Leute alles filmen und eigentlich nur auf den Bildschirm starren, aber gar nicht mehr auf die Band achten. Sie konzentrieren sich nur noch darauf, das aufzunehmen, um das Ganze für die Follower festzuhalten. Das Ganze ist auch so ein Selbstdarstellungs-Ding, ein Statussymbol-Ding.

Ob „digitale Revolution“ das richtige Stichwort ist, weiß ich nicht. Ich denke, eine Revolution hat für mich persönlich immer den Charakter einer positiven Veränderung. Sehe ich, ehrlich gesagt, nicht so beim digitalen Bereich, wenn es sich jetzt wirklich auf dieses Freizeit-Ding, auf Instagram und Co., auf dieses Fotos-machen als Statussymbol bezieht. Dann finde ich, im Gegenteil, eher, dass die Menschen es tatsächlich verlernen, im Augenblick zu leben.

Das ist kein unterbewusster Einfluss, das ist durchaus ein sehr bewusster Einfluss. Ich finde, gerade das macht es noch schwieriger, als wenn es „nur unterbewusst“ wäre. Wenn man das bewusst so macht und sich bewusst dafür entscheidet: „Ich lebe das so!“, finde ich das noch schlimmer, als wenn einem das unterbewusst passiert.

Dein Studium verliert nie an Aktualität, da es jeden Tag neue Dinge zu entdecken gibt. Täglich posten Millionen von Menschen Geschichten, Bilder und vor allem Meinungen vermeintlich anonym auf verschiedenen Plattformen. Es ist auch die Rede von „Entwicklungspsychologie“. Glaubst du, dass das Internet unser Denken und Handeln in den nächsten Jahren noch mehr beeinflussen wird?

Die Daten, um die es geht, wenn man sich den Datenschutz anguckt und diese Diskussion: „Facebook hat doch sowieso meine Daten und die NSA auch, ist doch alles nicht so schlimm“, sind noch nicht mal: „Ich bin Max Mustermann, ich wohne in der Musterstraße 3 in Musterstadt“, sondern, welche Beiträge ich like, welche Seiten mir gefallen, wie lange ich mir Beiträge anschaue und was mich interessiert.

Bei der US-Präsidentschaftswahl war das ein riesen Thema mit der Firma „Cambridge Analytics“. Dort wurden massenhaft Facebook-Accounts ausgewertet, um vorauszusagen: Wie ticken die Leute? In welche Richtung tendieren sie und wie kann man sie beeinflussen? So ähnlich, wie es das in den USA gibt, funktioniert das theoretisch auch in Deutschland.

Es gibt tatsächlich Firmen, die für politische Wahlkämpfe anbieten, dir alles genau zu analysieren, sodass du abschätzen kannst: In der Straße wird zum Beispiel eher CDU gewählt, in dieser Straße eher SPD. Wo schicken wir unsere Leute hin? Das sind die Daten, die an Werbefirmen verkauft werden, mit denen klar wird: Wofür interessierst du dich, um zielgruppengerechter zu werden und mehr zu verkaufen.

Das geht so weit, dass teilweise Instagram und Facebook, die Apps als solche, Mikrofone einschalten und teilweise, wenn du die App eingeschaltet hast, deine Gespräche auswerten. Wenn du Instagram aufmachst und eine Woche lang, zweimal am Tag über Kinderwägen sprichst, kriegst du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach einigen Tagen die entsprechenden Werbeanzeigen. Auch wenn du das nie gegoogelt hast, analysieren sie teilweise deine Gespräche auf Schlüsselbegriffe.

Dürfen die das? Naja, ich sage es mal so: Du hast bei der Installation der App angeklickt: „Ja, die App darf Zugriff auf mein Mikrofon haben“. Streng genommen, sind die damit rechtlich abgesichert. Auch wenn es sehr nach Verschwörungstheorie klingt - so ist es.

Und ob ich glaube, dass das Internet unser Denken und Handeln in den nächsten Jahren noch mehr beeinflussen wird: in Bezug auf anonyme Postings – Ja, auf jeden Fall. Beim Posten von Dingen in Internetforen ist es so, dass die Hemmschwelle viel niedriger ist, als solche Dinge selbst in der Öffentlichkeit laut auszusprechen. Das geht beim Cybermobbing los.

Dementsprechend macht es mir ein bisschen Bauchweh, wenn ich sehe, wie wenig teilweise auf Prävention geachtet wird. Nicht nur zu Fake-News muss Aufklärungsarbeit geleistet werden, sondern auch zu Kommunikation im Netz. Nettiqutte hier als Stichwort!

Als abschließende Frage: Bist du, wenn es um dieses Thema geht, ein Verfechter von „Früher war alles besser“ oder müssen wir nur lernen, mit dem Neuland umzugehen?

Wir müssen dringend lernen, mit dem Neuland umzugehen! Und das in vielerlei verschiedener Hinsicht.

Ein ganz wesentlicher Bestandteil ist die Kommunikation, sprich: Die Produktion von Inhalten. Wie rede ich, was gebe ich von mir? Gerade wenn es ums Posten geht. Ob das jetzt Kommentare unter Beiträgen sind oder Forenbeiträge. Und der andere Punkt ist die Reflexion. Facebook ist keine seriöse Nachrichtenseite. Generell gibt es recht wenige seriöse Nachrichtenseiten im Internet. Und es ist leichter als jemals zuvor, Fake-News, die glaubwürdiger als jemals zuvor scheinen, zu erzeugen und zu verbreiten.

Diese Produktions- und Reflexionskompetenz müssen ganz, ganz dringend besser geschult werden und es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden. Medienkompetenz heißt nicht nur: Wie schalte ich den Computer an und aus? Es ist wichtig zu reflektieren, was ich wahrnehme und was ich von mir gebe. Wenn wir da massiv hineininvestieren, kann es sehr gut werden. Wenn wir das schleifen lassen, wie man das zum Teil bei der Digitalisierung in manchen Schulen handhabt und nur die Geräte hinstellt, reicht das nicht. „Haben“ und „benutzen können“ sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe!

Datensicherheit ist auch ein wichtiges Thema. Mein Kühlschrank und meine Zahnbürste sind mit dem Internet verbunden, mein Fernseher sowieso. Die Leute gehen extrem lasch mit Sicherheitsfragen um und haben keine gescheiten Passwörter. Man muss sich bewusster über die Risiken sein und bewusster damit umgehen.

 

Wer mehr über soziale Medien und die damit verbundenen Themen wie Zugriffkontrolle (Passwörter, …), Angriffsarten (Phishing-Mails, …), Schutzmaßnahmen und das Datenschutzgesetz lernen möchte, kann gerne unseren Kurs „Datschenschutz und IT-Sicherheit – für Privatpersonen“ am Samstag, den 09. Februar, besuchen. Speziell für Senioren gibt es den Kurs „Erste Schritte im Internet – 60 plus“, der neben einem Überblick über Anwendungen im Internet, auch über die Internet-Sicherheit informiert.

Außerdem bieten wir EDV-Kurse an, um den Umgang mit Word und Co. zu lernen. Wer fitter im Umgang mit dem Smartphone oder Tablet werden will, wird bei uns auch fündig!

 

 

Interview mit YouTuberin Lilly Kürten

“Mama, kannst du mal auflegen? Ich möchte ins Internet!” Die Zeiten, in denen man entweder Telefonieren oder ins Internet konnte, sind vorbei. Das Modem heißt jetzt Router und ersetzt das laute, quietschende Geräusch durch entspannte Stille.

Was heute völlig normal und alltäglich ist, war früher ein Akt, auf den man sich vorbereiten musste. Sobald eine Homepage nicht innerhalb weniger Millisekunden lädt, verflucht man den Internetanbieter und sehnt sich nach noch schnellerem LTE.

Doch fühlen wir uns vielleicht zu sicher, mit dem, was wir ins Netz stellen und wie wir verschiedenste Online-Plattformen nutzen? Einfach nur, weil es „normal“ ist?

Manche Menschen, die sich mit dem Thema tiefgründiger auseinander setzen, halten es sogar für sinnvoll, verpflichtende Unterrichtseinheiten in der Schule zu verordnen. Aufklärungsunterricht 2.0 sozusagen! Denn nur, weil Kinder aus den jüngsten Generationen mit Smartphone, Tablet und Laptop mit Internetanschluss aufwachsen, heißt das nicht, dass sie auch darüber Bescheid wissen, was sie da genau tun. Auch die Eltern sind oft überfordert und können ihren Kindern nicht weiterhelfen.

Aber nicht nur über die Sicherheit im Netz sollte mehr gesprochen und diskutiert werden. Auch Hass und Cybermobbing sind ein großes Thema. Facebook, Instagram, YouTube – sie alle bieten die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren. Und im ach so anonymen Internet fällt es vielen Menschen leicht, ihre Abneigung und unüberlegten Worte kundzutun. Beleidigungen über Aussehen, Aussprache, Herkunft oder Sexualität sind die Spezialitäten der sogenannten „Hater“.

 

Ich habe mit einer YouTuberin gesprochen, die diese Sache mit der Privatsphäre etwas lockerer sieht. Lilly Kürten ist deutsch-amerikanerin und ihre große Leidenschaft: Backen! 2018 entschied sie sich dazu, ihr Talent auf YouTube zu bringen und ihre Erfahrung mit der weltweiten Internet-Community zu teilen.

Du bist neu auf YouTube, deinen Kanal „Lilly’s Cupcakery“ hast du im März 2018 gestartet. Ist dir die Entscheidung schwer gefallen, dich im Internet und somit auch der ganzen Welt zu präsentieren?

Die Entscheidung, mich im Internet zu präsentieren, ist mir nicht schwer gefallen, weil ich sehr medienaffin bin und auch nicht davor zurückscheue, mich irgendwo zu präsentieren, wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas gut kann.

Unter vielen YouTube-Videos liest man Hasskommentare, die oft unter die Gürtellinie gehen. Hast du vor solchen Begegnungen Angst oder hast du sogar schon selbst Erfahrungen diesbezüglich gemacht?

Ich selbst habe da jetzt keine Angst vor, weil ich auch einfach nicht so wirklich die Plattform dafür biete. Ich backe online, da kann ich mir jetzt nicht vorstellen, dass da groß irgendwas kommt, was unter die Gürtellinie geht. Ich glaube eher, wenn es in den „Social-Bereich“ geht und einfach „Sich-im-Alltag-begleiten“. Aber ich sage ja immer: Nur wer Kritik erfährt, macht ja irgendwas richtig. Und wenn man immer nur Positives hört, ist offensichtlich die Reichweite nicht groß genug. Ich selbst habe tatsächlich aber wenig Kritik.

Was ich immer so schade finde: Zum Beispiel auch ein paar Leute in meiner Familie, die sagen: „Wer macht denn immer da die Daumen runter auf YouTube?“ Das interessiert mich gar nicht, weil, prozentual, muss man einfach nur gucken, wie viele Daumen hoch es gibt. Und wenn da 25 Daumen hoch gehen und vier runter, dann freue ich mich doch über die vier, die Kritik üben und freue mich viel, viel mehr über die 25, denen es gefällt. Ich halte von diesen Hasstiraden und diesen Hate-Kommentaren gar nichts.

Ich hatte einmal, ganz am Anfang, ich glaube bei meinem zweiten Video, eine Kritikerin, die mich privat kannte und nicht mochte. Und die hielt sich für besonders schlau, mein Video zu kommentieren. Sie hat nichts Schlimmes geschrieben, sie hat nur gesagt, ich würde meine Kuchen nie fertig stellen. Was natürlich, wenn man auf meinen YouTube-Channel geht, nicht stimmt. Ich habe ja jetzt mittlerweile über 100 Videos, in denen ich jeden meiner Kuchen fertig stelle. Das entspricht einfach nicht der Wahrheit, sonst wäre das Ganze vom Video her ja auch witzlos.

Und sie glaubte, dass man als YouTuber offensichtlich keine E-Mail bekommt, darüber, dass jemand ein Video kommentiert hat und mit dem vollständigen Namen der Person. Dann habe ich eine erneute E-Mail bekommen, fünf Minuten später, dass der gleiche Kommentar nochmal gepostet wurde. Dann hatte sie ihren Namen geändert. Da bin ich dann auch in die Offensive gegangen und habe daruntergeschrieben. Ich denke, das ist die beste Art und Weise mit solchen Kommentaren umzugehen.

Was diese Dinge, die wirklich unter die Gürtellinie gehen, angeht: das würde ich einfach echt ignorieren. Weil, wie gesagt: das kann man auch gar nicht ernst nehmen. Und wenn ich konstruktive Kritik an einem anderen YouTuber, zum Beispiel, üben wollen würde, und dem zum Beispiel sage: „Ich fände es cooler, wenn du das Video so-und-so drehst, mit welchem Programm schneidest du? Das könnte, glaube ich, auch besser sein“ dann würde ich das, vermutlich, auch privat einfach in einer Nachricht machen.

Aber ich muss auch ehrlich sagen, dass ich das gar nicht tue, weil ich jedes Video, was ich sehe, immer cool finde, weil ich einfach selbst weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt und ich honoriere einfach das, was ich sehe. Ich mache mir da jetzt nicht einen großen Aufwand und schreibe dann den Leuten noch.

Du hast deine Back-Videos in deiner privaten Küche gedreht. Gehört das für dich schon zu deiner Privatsphäre und wie weit würdest du für deine Internetpräsenz gehen?

Die ersten Videos von März bis Juli, habe ich bei Freunden in einer Privatküche gefilmt. Das war aber irgendwann sehr, sehr anstrengend. Nicht für sie, sondern für mich, einfach, weil es nicht mein eigenes Zuhause ist.

Dann habe ich die Küche meiner Eltern genutzt. Die ist allerdings schon sehr alt und es hat nicht wirklich Spaß gemacht und wenn sie Zuhause waren mussten sie auch immer leise sein, weil die Küche offen ist. Und dann, wie es halt immer der Zufall oder das Schicksal so will, klopft jemand an die Tür und hat mir angeboten, dass ich einmal die Woche meine Videos in einer Showküche drehen darf.

Deswegen ist es jetzt keine private Küche mehr. Aber, ja klar, am Anfang… Jeder YouTuber fängt ja so an. Du musst ja irgendwo einen Raum finden, der dir gehört oder jemandem, den du kennst. Und das ist für mich kein Eingriff in die Privatsphäre gewesen. Wenn ich mich in die Öffentlichkeit begebe, dann muss ich auch damit klarkommen, dass Menschen ein bisschen näher in meine Privatsphäre rücken.

Das ist auch das, was ich nie versteh: Wenn ich mich dazu entschließe, Moderator, Schauspieler oder Sänger zu werden, und Leute dann nach meinem Beziehungsstatus fragen. Ja, das ist halt so. Menschen interessieren sich für dich und die interessieren sich jetzt, na klar, für deine Musik, aber in zweiter Linie wollen sie bestimmt auch wissen, was du für ein Mensch bist, weil sie dich als Vorbild nehmen wollen oder einfach grundsätzlich ein Interesse an dir haben. Und wenn es nicht, auch hier, wieder unter die Gürtellinie geht, finde ich, kann man solche Fragen immer beantworten oder halt auch Privates in Videos von sich zeigen.

Ich bin im Übrigen auch sehr locker, was dieses ganze „Datenschutz-Gedöns“ angeht. Dass Mark Zuckerberg schon alle Daten von mir hat und die NSA ebenfalls und der Bundesnachrichtendienst vermutlich auch, das ist nicht erst seit den letzten vier Jahren so, sondern das ist vor zehn Jahren schon passiert und ich lasse mich davon wenig stören und mache mir da nicht so große Gedanken drum.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann gerne unseren Kurs „Datschenschutz und IT-Sicherheit – für Privatpersonen“ am Samstag, den 09. Februar, besuchen. Hier wird Grundwissen in der IT-Sicherheit und des Datenschutzes vermittelt und auf mögliche Risiken aufmerksam gemacht. Speziell für Senioren gibt es den Kurs „Erste Schritte im Internet – 60 plus“, der neben einem Überblick über Anwendungen im Internet, auch über die Internet-Sicherheit informiert.

Außerdem bieten wir EDV-Kurse an, um den Umgang mit Word und Co. zu lernen. Wer fitter im Umgang mit dem Smartphone oder Tablet werden will, wird bei uns auch fündig!

 

>> Die Interviews wurden von Jaqueline Dottermosch (FSJ-lerin der vhs/JAB im WBZ Ingelheim) geführt.

Die in den Interviews dargestellten Ansichten und Meinungen entsprechen nur denen des jeweiligen Interviewpartners und müssen nicht die Meinung der vhs im WBZ oder deren Mitarbeitenden entsprechen. <<