VHS

Positiv Denken als Bildungssnack

Was bedeutet das und was nimmt man aus diesen Kursen mit?

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Wir fragen nach bei Kursleiter Jan Henrik Wagner

Herr Wagner, der Begriff „positives Denken“ wird unterschiedlich verstanden. Was bedeutet er für Sie? 
Für mich bedeutet positives Denken nicht, die negativen Dinge auszublenden. Die gehören zum Leben dazu und man sollte sie auch wahrnehmen. Aber gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass oft auch viel Positives da ist.
Im täglichen Tumult an schlechten Nachrichten, die über unzählige Kanäle auf uns einprasseln, gehen die positiven Entwicklungen oft unter. Man wird ständig aufgefordert, in den nächsten Abgrund zu schauen, obwohl man vielleicht gerade mitten in einer wunderschönen Landschaft steht.
Für mich bedeutet positives Denken deshalb nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern bewusst auch die positiven Seiten wahrzunehmen und Veränderungen als Chance zu begreifen. Oft können wir nicht beeinflussen, was passiert. Aber wir können beeinflussen, worauf wir unseren Fokus richten.


Mit welchen Fragen oder Anliegen kommen Menschen zu Ihren Veranstaltungen?
Oft kommen Menschen, die sich von den vielen aktuellen Veränderungen und negativen Entwicklungen regelrecht erdrückt fühlen. Die Fragen lauten dann zum Beispiel: „Wie soll ich bei der Weltlage, wirtschaftlichen Problemen, gesellschaftlicher Spaltung oder Gefahren durch KI noch positiv bleiben?“ Oder sogar: „Soll man heutzutage überhaupt noch Kinder in diese Welt setzen?“ 
Viele interessieren sich dafür, wie andere Menschen schwierige Situationen bewältigt haben. Das ist in einer wirklich schwierigen Lebensphase auch mein Einstieg in das Thema gewesen und daher ein wichtiger Bestandteil meiner Seminare. Wenn man von Menschen hört, die mit deutlich größeren Herausforderungen umgehen mussten und trotzdem handlungsfähig geblieben sind, hilft das vielen dabei, die eigene Situation neu einzuordnen. Und natürlich wünschen sich viele ganz praktische Werkzeuge für ihren inneren Werkzeugkasten.


Welche Rolle kann die eigene Denkweise dabei spielen, mit schwierigen Situationen umzugehen? 
Denken und Fühlen hängen unmittelbar zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Vereinfacht gesagt entsteht daraus unser Handeln. Wenn äußere Umstände schwierig werden, ist es wichtig, die eigenen Gedanken nicht einfach laufen zu lassen. Sonst landet man schnell in einer Ohnmacht oder hat das Gefühl, den Dingen ausgeliefert zu sein.
Wir können nicht immer beeinflussen, was passiert. Aber wir können beeinflussen, wie wir darauf reagieren. Nicht umsonst machen Leistungssportler Mentaltraining, meditieren oder arbeiten mit Atemtechniken. Das hilft ihnen, fokussiert und positiv zu bleiben.
Ich habe das selbst bei meinem ersten Halbmarathon in Mainz erlebt. Im letzten Drittel war eigentlich die Luft raus. Dann habe ich mir vorgestellt, die Menschen an der Strecke wären nur wegen mir gekommen. Die wollte ich natürlich auf gar keinen Fall enttäuschen! Dieser Gedanke hat mir wieder Energie gegeben. Gleichzeitig habe ich alle bewusst angelächelt. Klingt banal, funktioniert aber erstaunlich gut.


Lässt sich eine optimistischere Haltung entwickeln, auch wenn jemand eher skeptisch auf das Leben blickt?
Es gibt Menschen, die von Natur aus etwas positiver oder etwas skeptischer durchs Leben gehen. Das ist ein Teil unserer Persönlichkeit. Deshalb gibt es hier auch kein Patentrezept. Aber ich glaube, jeder kann lernen, bewusster mit seinen Gedanken umzugehen. Der erste Schritt ist meistens, die eigenen Denkmuster überhaupt zu erkennen. Viele Sätze laufen bei uns automatisch ab. Aus einem „Das klappt nie“ kann zum Beispiel ein „Mal schauen, was möglich ist“ werden.
Unser Gehirn lernt ja ständig dazu. Deshalb können wir neue Denkgewohnheiten entwickeln. Wichtig ist nur, dass man sich nicht überfordert. Kleine Veränderungen und regelmäßige Routinen bringen meist mehr als ein radikaler Neustart.


Gibt es eine kleine Übung oder einen Gedanken, den man direkt ausprobieren können?
Ja. Eine meiner Lieblingsfragen lautet: „Wofür könnte das gut sein?“ Wenn uns etwas Negatives passiert, schauen wir meist sofort auf das Schlechte. Diese Frage lenkt den Blick auf mögliche Chancen, Lernerfahrungen oder Dinge, die sich daraus ergeben könnten. Das hat mir selbst in schwierigen Situationen und Konflikten immer geholfen.
Außerdem empfehle ich oft eine ganz einfache Übung: Abends drei Dinge aufzuschreiben, die an diesem Tag gut gelaufen sind. Das trainiert den Blick für das Positive im Alltag. Und wenn es nur der Kaffee am Morgen, ein nettes Gespräch oder ein schöner Sonnenuntergang war. Hierzu gibt es auch jede Menge toller Dankbarkeits-Tagebücher auf dem Markt. 


Ihre Veranstaltungen dauern jeweils 60 Minuten. Was kann ein Bildungssnack in dieser Zeit anstoßen?
Natürlich verändert niemand sein Leben in 60 Minuten. Aber ein Bildungssnack kann Denkanstöße geben, neue Perspektiven öffnen und Lust machen, ein Thema weiter zu vertiefen. Wenn Menschen hören, wie andere selbst in schwierigsten Situationen Hoffnung, Sinn oder Zuversicht gefunden haben, kann das etwas auslösen. 
Mein Anspruch ist eigentlich ganz einfach: Jede Person soll ein kleines bisschen schlauer rausgehen, als sie reingekommen ist. Und möglichst ein oder zwei Werkzeuge mitnehmen, die direkt im Alltag funktionieren.


Die Bildungssnacks stoßen auf erfreuliches Interesse. Was spricht die Menschen Ihrer Einschätzung nach besonders an: das Thema, das kompakte Format oder die Verbindung aus beidem?
Ich glaube, es ist die Kombination. Viele Menschen suchen aktuell nach Orientierung, positiven Impulsen oder einfach nach einer Möglichkeit, sich eine Stunde lang sich selbst etwas Gutes zu tun. Gleichzeitig sind 60 Minuten ein Zeitfenster, das man gut unterbringen kann. Die meisten Verpflichtungen sind schon erledigt und der Abend ist nicht blockiert.
Eigentlich passt das Format perfekt zwischen Abendessen und Lieblingsserie.
Was wünschen Sie sich, was die Teilnehmenden aus diesen 60 Minuten für ihren Alltag mitnehmen?
Ich würde mir wünschen, dass bei jedem eine Kleinigkeit hängen bleibt, die direkt im Alltag ausprobiert werden kann. Vielleicht hilft ein Gedanke dabei, eine schwierige Situation anders zu betrachten. Vielleicht entdeckt jemand ein Werkzeug, das mehr Gelassenheit bringt. Vielleicht entsteht einfach die Neugier, sich mit einem Thema näher zu beschäftigen. Bei all diesen Themen gibt es unglaublich viel zu entdecken. Am Ende findet jeder sein eigenes Puzzlestück.


Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was hilft Ihnen selbst, wenn Ihnen eine positive Sichtweise einmal schwerfällt?
Mir helfen inzwischen verschiedene Routinen. Vor allem versuche ich, meine eigenen Gedanken zu hinterfragen, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Früher hatte ich oft ein ausgeprägtes Worst-Case-Denken. Ich habe mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt. Das versetzt einen schnell in eine Starre. Heute gelingt es mir deutlich besser, solche Gedankenspiralen zu erkennen, abzuhaken und meine Energie auf mögliche Lösungen zu richten. Dann sitzt man wieder selbst am Steuer, statt sich von den Umständen treiben zu lassen.
Außerdem bin ich großer Fan von Viktor Frankl. Einer seiner zentralen Gedanken ist, selbst schwierigen Erfahrungen einen Sinn zu geben. Das hilft nicht nur bei den großen Fragen des Lebens, sondern manchmal sogar bei der Steuererklärung.

Das Interview führte Karola Arnold

Jan Henrik Wagner

Systemischer Business Coach und Kursleiter an der vhs im WBZ Ingelheim. Seine Themen sind:  Positives Denken, Persönlichkeitsentwicklung, Wachstum & Bewusstsein, Standortbestimmung und Selbstausrichtung, Werte- und Zielearbeit, Arbeit mit Visionboards, Journaling, Berufliche und private Neuausrichtung für Männer, Burnoutprävention für Männer